Woodpecker Texte

Willkommen auf woodpecker.video – Die Adresse für kreative Inhalte, inspiriert von Thorsten Specht


Sinn + Sinnlichkeit (5)


 
Alle Jahre wieder kommt Weihnachten, Ostern und die zweiwöchige Pauschalreise auf die Insel der Herzen.  Allerdings hat der geneigte Mitteleuropäer seit einiger Zeit ein weiteres Rendezvous: Die Arbeitsagentur! Wenn ich mich von dem – für mich – etwas verwirrenden Namen löse, freue ich mich sogar ein wenig darauf. Denn früher nannte sich diese Behörde: Arbeitsamt!
 
Es ist Freitag und ich bin früh vor den Toren denn ich habe die Vermutung, dass die vielen Arbeitsuchenden sich am Freitag bereits auf das Studium der Samstagszeitungen vorbereiten und so den Beamten der Arbeitsagentur zu einem mittäglichen Feierabend verhelfen. Vielleicht auch schon mal Grillfleisch und Bier einkaufen?
 
Ich habe mir einen großen Kaffee an der U-Bahn Station gekauft und geselle mich um 7:40 Uhr zu den bereits Wartenden. Dort steht eine ältere Dame im rosa Hosenanzug. Sie lächelt beseelt – die Sonne scheint ihr ins Gesicht – so als wäre sie verliebt. Denkt sie doch eher an das Jahr Arbeitslosengeld, dass sie nach Ende der Altersteilzeit erhält. So fängt die dritte Lebensphase doch prima an. An der „Playa del Palma“, bei Käsekuchen und Kaffee und ein paar extra Euros von der Deutschen Arbeitsagentur. Dabei fällt mir ein: „Ich stecke ganz dicke in der zweiten Lebensphase“ und kann mich angesichts der „dritten Nullrunde“ für Rentner und den bevorstehenden „dritten Zähnen“ noch nicht so ganz zur Freude hinreißen lassen.
 
Direkt vor mir ein ganz spezielles Pärchen. Sie trägt mit Stolz ihren braunen Wollpulli, der alle ihre Rundungen zur Geltung bringt. Alle 110 kg – wie sie der liebe Gott geplant hatte. Er – trägt sein langes Haar zum Zopf gebunden. Die langen Flusen kleben auf seinem Lieblings-Shirt: „Extreme Music for extreme people“. Beide sind Anfang 20, und tragen gemeinsam beide genau gleich viele Piercings im Gesicht. Ich finde es ist Ihnen hoch anzurechnen , dass sie extra auf geblieben sind um diesen Pflichttermin heute morgen wahr zu nehmen.
 
Ein etwa 45 Jahre Alter Mann – ich hatte ihn schon am Kaffeestand gesehen – raucht Kette und telefoniert seitdem ich ihn wahrgenommen habe. Vermutlich hat er Streit mit seiner Freundin, oder koordiniert die Schwarzarbeit auf seiner Baustelle. Ich hätte ja auch nicht nach den Jahren der Arbeitslosigkeit mit einem Termin beim Arbeitsamt – ups, Arbeitsagentur gerechnet.
 
Dann ist es endlich soweit. Das Licht in der Vorhalle wird angestellt und eine gelangweilte adipöse Beamtin im mittleren nichttechnischem Dienst schließt die Tür auf. In diesem Moment stürzt ein Experte mit abrasierten Haaren, Sonnenbank gebräunt mit schlechtem Hals Tattoo nach vorne und stellt sich als erster an den Empfang. „Respekt,... gutes Timing!“ Das sehen alle herumstehenden genau so, den keiner murrt oder meckert. Also alles wie im letzten Jahr. Aber kann man aus all dem etwas lernen?

Sinn + Sinnlichkeit (4)

Sinn + Sinnlichkeit (4)
 
 
Im Jahre 1949 kam der US-amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy, jr. bei einem Beschleunigungstest zu einer folgenschweren Einsicht:
 
„Wenn es zwei oder mehrere Arten gibt, etwas zu erledigen, und eine davon kann in einer Katastrophe enden, so wird jemand diese Art wählen.“
 
Später von Finagle etwas vereinfacht: „Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen“!
 
In die Analen der Zeitgeschichte aber eingegangen ist es unter dem Namen Murphys Gesetz (engl. Murphy’s Law). Für mich mittlerweile keine bloße Theorie mehr, sondern ein fest stehendes Gesetz. Mitunter warte ich in bestimmten Situationen sogar auf die entsprechende Gesetzmäßigkeit.
 
Der letzte Löffel Suppe ,der auf die Krawatte tropft, der Fernseher, der genau während des Endspiels kaputt geht, oder der Chef kommt genau in dem Moment ins Zimmer, während ich in der Nase popele!
 
Mich hat es gelehrt das Leben gelassener anzugehen. Die seltsamem Verknüpfungen der Ereignisse zu akzeptieren und sogenannte Katastrophen mit stoischer Ruhe zu ertragen.
 
Eine seltsame Gedankenkette, entwickelte sich in den letzten Tagen. Bei einem Besuch der örtlichen Postfiliale stand ich eine Weile in der Schlange und beobachtete die Menschen um mich herum. Eigentlich nur die üblichen Verdächtigen: Schwitzende, nahezu Kollabierende, Drei-Dinge-Auf-Einmal-Tuende, und dazwischen ein Vater mit seiner Tochter. Vater Mitte 30, - Tochter im „Vati ist der Beste“ Alter! Im stillen Einverständnis standen sie da und die Verwandtschaft war offensichtlich. Ich überlegte mir, was die Menschen wohl an die nächsten Generationen weitergeben. Welche Haar, und Augenfarbe, welche Charakter Eigenschaften, oder vielleicht auch Eigenarten?
 
Dabei fiel mir ein Gespräch ein, dass mir ein Anlageberater vor einiger Zeit aufgeschwatzt hatte. Eine seiner Kernaussagen war, während wir in einer „Körnchen und Bier“ Kneipe zu Mittag aßen:
 
 „Was kann man der nächsten Generation den überhaupt noch vererben?“ Immobilien, steigen nicht mehr unbedingt im Wert, oder die aktuelle Mobilität der Arbeitswelt macht eine Selbstgenutzte Immobilie unbrauchbar. Schmuck, Kunstwerke... Geschmacksache! Dazu noch Erbschaftssteuer, Gebühren und Abgaben,...
 
Und so langsam fragte ich mich ob diese Lebensweisheiten zu irgendetwas führen würden. In der Tat führte sie just in diesem Augenblick in die Welt Investmentfonds. Ich tauchte selig ab – wohl beschleunigt durch das Schnitzel Ratsherrenart - in die Zwischenwelt des „Ja“ und „Amens“,. Keine der nun folgenden Informationen des Beraters drangen an mein Hirn.
 
 
Meine Gedanken schweiften ab. Möglicherweise zu einem lang vergangenen Segeltörn. Der Wind in den Haaren, Wasser im Gesicht, die untergehende Sonne voraus,... ab Bug ein paar spielende Delphine,...
 
In diesem Moment ging draußen ein Alter Mann mit offenem Hemd vorbei. Ohne Scham die graue Brustbehaarung stolz vor sich her tragend. Zwei Taschen in der Hand, in der ich spontan seine komplette Habe vermute. Möglicherweise auch nur den Alkoholvorrat für die nächsten Stunden.
 
In diesem Moment entsteht durch einen Zufall eine Lücke in dem Redeschwall des Beraters und in diese frage ich ohne weiter darüber nachzudenken:
 
„Muss man etwas vererben?“
 
 

Sinn + Sinnlichkeit (3)


 
Ich bin früh mit dem Auto unterwegs. Fahre durch den dampfenden Vorort. Zwar hat der Regen die Luft endlich abgekühlt, doch der Erde dringt die Wärme immer noch aus jeder Pore.
 
Klatschnass hängen Deutschland Wimpel an den Autotüren. Sind die Fahrer immer noch Deutschland? Für Augenblicke summe ich den WM Ohrwurm vor mich hin. Dann stelle ich besser das Radio an. Evanescence  „My Immortal" rollt mir entgegen. Scheinbar wie eine Filmmusik für mein morgendliches Leben.
 
Am Straßenrand sitzt ein junges Mädchen auf dem Bordstein. Erst als ich vorbeigefahren bin realisiere ich die zerrissene Jeans und ihr aufgeschlagenes Knie. Eine Mofa habe ich nicht gesehen. Sah sie aus, als bräuchte sie Hilfe? Wie würde das wohl aussehen: Ein 41 jähriger Mann beugt sich um 6:00 Uhr morgens über ein angeschlagenes Mädchen... Ich brauche den Gedanken nicht weiter zu denken. Ich halte nicht an! Überhaupt, sah sie nicht so aus, als bräuchte sie Hilfe.
 
Ich fahre an der Tankstelle vorbei. Auf dem Grünstreifen vor den Zapfsäulen steht noch immer der weiße Bistro-Tisch und die beiden Stühle. Heute sieht es gar nicht mehr so sonderbar aus. Gestern früh saßen dort zur gleichen Urzeit zwei Herren in meinem Alter, wie selbstverständlich mit einen Flasche Bier. „Lebt sich doch gar nicht so schlecht mit Hartz 4“ – dachte ich für einen Moment. „Summer in the city“!
 
Weiter geht die Fahrt , vorbei an nebelverhangenen Feldern. Immer wieder rechts an der Straße – ein paar Bushaltestellen. Dort stehen heute nur Frauen. Vermutlich  auf dem Weg zur Frühschicht. Gibt es keine Männer, die zur Frühschicht fahren? – Oder hat Papa heute das Auto?
 
Den Wagen abgestellt und die Krawatte im Spiegel zurecht gerückt. Schnell noch einen Kaffee im Pappbecher, beim Bäcker geschnappt. - Wenn ich nicht wollte, müsste ich nichts sagen. Ich bekäme einfach durch bloße Anwesenheit meinen morgendlichen großen Kaffee mit Milch. Heute murmle ich jedoch ein „Morgen“ und habe die 1,23 Euro abgezählt in der Hand.
 
Während ich mir an dem Becker wie jeden morgen die Finger verbrenne, summe ich – dem Wochenende entgegen.
 
 
“When you cried I'd wipe away all of your tears When you'd scream I'd fight away all of your fears And I held your hand through all of these years But you still have All of me”
 
Evanescence
„My Immortal"

Sinn + Sinnlichkeit (2)


 
Ich mache einen Einkaufsbummel durch die Stadt. Nur das ich diesmal nichts kaufe. Der Alptraum des Marketings. Ich stelle sie mir beim Brainstorming im Konferenzraum hoch über der Dächern der Stadt vor.- Wie sie sich den Schädel zermartern, den Mund fusselig reden und sich die Frage stellen:

Warum konnten wir diesen Kunden nicht überzeugen?
 
Langsam, schlendernd, schlurfend, bummelnd, bewege ich mich durch das hektische Treiben. Hin und wieder bleibe ich stehen, schaue in die Auslagen eines Schaufensters und beobachte Menschen bei ihrem Treiben. In einem Schuhgeschäft sitzt eine schlicht, aber edel gekleidete Dame und probiert Schuhe an. Mit kritischem Blick, im Geiste Schuhe und die Kleidung im Schrank abstimmend, dreht und wendet sie die Modelle. Dann Erleichterung in ihrem Gesicht. Ich habe nicht mitbekommen, wie sie zur Entscheidung gelangt ist. War’s der Preis, die Verbindung mit einer kürzlich gekauften Hose oder sind die Schuhe einfach nur zu schön, um sie einer anderen zu überlassen?
 
Befriedigt folgt sie der Verkäufern zur Kasse. Ich drehe mich um und will gerade meiner Wege ziehen, als ich beinahe in eine alte Frau renne. Sie macht keinen gepflegten Eindruck. –Stinkt erbärmlich! Mit einem dicken gebogenen Draht, fischt sie in einem Mülleimer nach etwas. Als ich schon ein paar Meter vorbei bin sehen ich was ihr Herz begehrte. Ein fetten Flachmann – nicht ganz ausgetrunken. Auch eine Art seinen Tag zu verbringen. – Prost!

Sinn + Sinnlichkeit (1)



Zufrieden und schon beinahe ein wenig selbstgefällig liege ich im Bett. Warm und kuschelig! Im Dunkel die Leuchtziffern des Funkweckers. Er zeigt 5:55 Uhr. Gleich ist es Zeit zum Aufstehen. Im Facebook-Land gehen die letzten ins Bett. Draußen hat es gestürmt und geschneit – vermute ich. Ein kalter Lufthauch weht durch das abgeklappte Fenster um meine Nase.
 
Neben mir die gleichmäßigen Atemzüge meiner Prinzessin. Ich halte den Atem an und lausche… Wie kann man so früh am Morgen schon so glücklich sein?
 
Da wird die Stille jäh durch lautes Motorengeräusch zerrissen.  Der Hausmeister, dick eingepackt, hat seine Schneeräummaschine angeworfen und fährt den Gehweg entlang. Die Prinzessin stöhnt und räkelt sich widerwillig. Warum muss der Mann um 6:00 Uhr seiner Arbeit nachgehen? Die Traumgewordene Männerphantasie eines Traktors vor meinem Schlafzimmerfenster testen? Er hätte noch gut zwei Stunden im Warmen sitzen bleiben, die Bildzeitung lesen und Kaffee trinken können.
 
Von irgendwoher weht Kaffeeduft und das Morgenmagazin des lokalen Radiosenders herüber. Die Toilettenspülung der Nachbarn rauscht und wieder einmal wünsche ich mich an einen fernen Ort. In ein Haus weit im Norden, wo nur die Schreie der Möwen und eine Meeresbrise in der Luft liegen.
 
Irgendwann einmal!